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In Berns regionalen Ligen kommt es immer wieder zu kleinen Länderspielen.

Ihre Vereinsnamen lauten CF España oder KF Shqiponja. Sie repräsentieren ein Land oder eine ethnische Gruppe. Sie hauchen dem Amateurfussball internationales Flair ein und verwandeln so manchen 3.- oder 4.-Liga-Kick in ein Miniländerspiel mit grossem Zuschaueraufmarsch: Migrantenvereine bereichern die regionalen Ligen auf ihre Weise – mit südländischem Nationalstolz, Emotionen, technischem Fussball.

Mitunter erregten sie in der Vergangenheit aber auch die Gemüter ihrer helvetischen Gegner, sorgten in den Klubhäusern für Gesprächsstoff. Etliche Spielabbrüche und Zuschauertumulte in der ganzen Schweiz zementierten in den letzten Jahrzehnten das Image, Ausländerteams würden zu groben Verfehlungen neigen. Einigen der 31 Klubs, die letzte Saison in Berns Ligen um Ehre und Punkte kämpften, hallt der schlechte Ruf bis heute nach. Reto Rutschi, Schiedsrichterobmann beim Berner Fussballverband, entkräftet die Vorurteile: «Seit ein paar Jahren haben grobe Zwischenfälle deutlich abgenommen.»

Grosser Zusammenhalt

Seit Beginn des Jahres betreut Lorenz Egli den kroatischstämmigen Stadtberner Drittligisten SV Slavonija. «Zunächst hatte ich Bedenken, ein sogenanntes Jugoteam zu übernehmen.» Bereut hat Egli seine Zusage nie, er erzählt von klugen Typen, «die hier aufgewachsen und sehr gut gebildet sind». Mit den kulturellen Unterschieden fand sich der erfahrene Trainer schnell zurecht und lernte ganz nebenbei den Cevapcici-Spiess nach dem Match schätzen. «Der Zusammenhalt unter den Spielern ist bei den Ausländerteams gross», erzählt Egli.

Was wenig überrascht, bieten die Klubs ihren Spielern doch eine Art Oase, in der sie ihrem liebsten Hobby nachgehen und dabei gleichzeitig Kultur und Sprache ihrer Eltern pflegen können. Aller Romantik zum Trotz: Fast alle Vereine kämpfen mit infrastrukturellen Problemen, tragen ihre Spiele auf öffentlichen Anlagen aus oder sind auf Gastrecht bei Schweizer Klubs angewiesen. Für viele verkommt selbst die Suche nach Trainingsplätzen zur Herkulesaufgabe.

Auch im Juniorenbereich harzt es. Kaum ein Verein, der mehr als ein Team auf die Beine zu stellen vermag. Fehlender Nachwuchs führt auch regelmässig dazu, dass sich Migrantenteams aus dem Spielbetrieb zurückziehen müssen.

Integriert, aber heissblütig

15 der 31 Vereine haben ihre Wurzeln in den Ländern des Balkans. Mit drei Ausnahmen fanden alle erst 1991 nach Ausbruch des Kriegs Unterschlupf in Berns Ligen. Dass die Spieler besser in der Schweiz integriert sind als vor 15 oder 20 Jahren, steht für Slavonija-Coach Egli ausser Frage: «Die Mentalitäten haben sich vermischt.» Gelungene Integration als Katalysator für fairen Sport? Begutachtet man die Fairplayranglisten der letzten Saison, offenbaren sich mehrere Erkenntnisse: Nach wie vor tummeln sich auf den Plätzen Heissblüter, die ihr Temperament nur ungern zügeln.

In jeder Liga gehören Migrantenteams zu den unfairsten, wobei alle Ethnien vertreten sind. Andererseits bewegte sich mehr als die Hälfte der Equipen im unauffälligen Bereich oder agierte überaus fair. Erfreulich: Kein Team entgleiste vollends, was früher anders gewesen war. «Sie sind disziplinierter geworden, der Respekt vor den Gegnern ist gestiegen», erklärt Rutschi. Ausnahmen gebe es aber nach wie vor, sagt Coach Egli: «Wenn das Temperament überschäumt, dann kann es krachen.»

Neun Italiener

Mit neun Vereinen stellt die italienische Gemeinschaft nicht nur die meisten Ausländerklubs, sondern auch den ältesten. 1927 gründeten gemäss der Internetseite des Klubs rund 30 Zuwanderer im Restaurant «Casa degli Italiani» im Berner Kirchenfeld den FC Esperia. Erst 1964 gesellte sich mit Italiana ein zweiter Verein dazu. Marco di Romualdo kennt die Gepflogenheiten der Italo-Klubs. Gleich mehrere Male coachte er Esperia, das seit einer Fusion 2007 SCI Esperia Napoli Berna heisst.

«Es geht chaotischer zu und her als bei den Schweizer Teams.» Und anstrengender, weil man mehr improvisieren müsse, sagt der Doppelbürger. «Dafür sind die Spieler unbekümmerter, und man bekommt positive Energie zurück.» Für di Romualdo haben Partien gegen Ausländerklubs bis heute den Charakter von Länderspielen. «Diese Partien bleiben speziell und wecken auch den Ehrgeiz der Schweizer Spieler.»

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